WKreativ, Entdecken Sie Kurzgeschichten und Musik von Wolfgang Kraus Die Entscheidung

Spiele

(aus meinem Buch "Finale")

Irritiert standen die Menschen vor dieser Erscheinung, einer seltsamen duftigen Wolke, die wie ein Schleier vor ihnen lag und etwas zu verdecken schien. Neugierige drängten etwas näher, Ängstliche suchten Distanz, aber alle waren voll Ehrfurcht vor diesem Phänomen, das sie sich nicht erklären konnten, umso weniger, als sie auch noch eine Stimme vernahmen, die aus jenem Nebel zu kommen schien:

„Dies ist mein Geschenk für euch. Nur ein Wunsch ist damit verbunden: Es soll euch Freude machen!“

Der Schleier hob sich, löste sich auf und gab den Blick frei auf drei identische Gegenstände: Auf wundersame Art rund in alle Richtungen und aus einem Material, das sie nicht kannten. Sie teilten sich in drei Gruppen, die jeweils einen dieser Gegenstände umrundeten und von allen Seiten inspizierten. Ratlos blickten die Menschen auf diese Objekte und dann einander fragend in die Augen.

Endlich nahm einer sich ein Herz, berührte einen dieser Gegenstände, hob ihn hoch und legte ihn sanft auf den Boden. Er stieß ihn vorsichtig mit einem Fuß an und sah ihn ein kurzes Stück weit rollen. Dann wandte er sich an seine Gruppe:

„Das Rätsel ist gelöst! Ich nenne diesen Gegenstand ‚Ball’ und werde euch anleiten, ihn zu verwenden. Seht: Mit einem Fuß gebe ich ihm einen Stoß, auf dass er zu einem von euch rolle. Der soll ihn wiederum mit einem Fuß zu einem Nächsten spielen und immer so fort. So werden wir alle viel Freude damit haben!“

Währenddessen hob auch in einer anderen Gruppe einer einen Ball hoch und wog ihn sanft in seinen Händen. Er warf ihn ein kleines Stück in die Höhe und fing ihn sogleich wieder auf. Dann wandte er sich an seine Gruppe und sprach:

„Ich habe das Rätsel gelöst und werde euch anleiten: Ich glaube nicht, dass wir diesen Ball mit Füßen treten sollen, aber seht: Ich werfe ihn in die Höhe und fange ihn wieder auf – das ist ganz leicht und macht Spaß. Ich werde ihn einem von euch zuwerfen, der ihn fangen und zum nächsten werfen soll.“ So geschah es und bald war die Gruppe lachend in Bewegung.

Einer aus der dritten Gruppe hatte die ersten beiden beobachtet und wandte sich dann an seine Leute:

„Den Ball mit Füßen zu treten erscheint mir völlig falsch. Ihn mit den Händen zu spielen ist die bessere Art, aber es steht uns nicht an, ihn zu fangen und ganz zum Körper zu nehmen. Aber seht, ich werde euch anleiten!“

Und bald schon spielte diese Gruppe Volleyball.

Natürlich war es in dem fröhlichen Treiben nicht zu vermeiden, dass sich hin und wieder ein Ball von einer Gruppe zu einer anderen verirrte. Dann bugsierte ihn eben einer der Spieler zurück – zumeist mit seiner Technik. Manche aber versuchten auch die fremde und machten sich dann oft ein wenig lustig über diese andere, seltsame Art, Ball zu spielen. Einige fanden aber auch Gefallen daran, wechselten sogar die Gruppe und spielten bei jener anderen Variante mit. Insgesamt herrschte also ein fröhliches, unbeschwertes Treiben.

Mit der Zeit allerdings fanden sich einige aus der Volleyball-Gruppe ein wenig an den Rand gedrängt, weil sie nicht das Geschick der anderen hatten und auch nicht deren Eifer zeigen wollten. Also lugten sie nach links und rechts und pöbelten Spieler einer anderen Gruppe an:

„Habt ihr nicht gehört, dass wir den Ball nicht mit den Füßen treten dürfen? Wie könnt ihr es dennoch tun?“

Hin und wieder schlugen sie sogar jemanden oder rissen ihn zu Boden, um ihn am Weiterspielen zu hindern. Danach wandten sie sich an die Handballer, denn die Hand sei zwar edler als der Fuß, aber die Lehre sage, man dürfe den Ball nicht fangen oder gar zum Körper nehmen. Und schließlich richtete sich ihr Unmut sogar gegen die eigene Gruppe, weil ein derart sorgloser Umgang mit einem derart heiligen Geschenk ganz einfach falsch sein müsse. Die einzige Freude dürfe darin bestehen, die Bälle hinzulegen und zu betrachten. Dabei wäre ebenso klar, dass ein Ball für Frauen und zwei Bälle für die Männer gedacht wären.

Um ihre Idee auch durchzusetzen störten sie die anderen Gruppen immer mehr. Daher sahen diese sich gezwungen, einzelne Mitglieder vom Spiel auszuschließen und zur Bewachung abzustellen, was wiederum andere Gruppen nervös machte, vom Spielen ablenkte und zu Gegenmaßnahmen zwang. Das gegenseitige Misstrauen wurde mit jeder Minute größer, immer wieder kam es zu kleinen Rangeleien bis endlich alles in einem riesigen Tumult mündete, jeder gegen jeden und ohne Rücksicht auf Verluste.

Am Boden lagen völlig unbeachtet drei Bälle und keiner merkte in diesem Chaos, wie sich wieder jener wolkenartige Schleier darüber senkte. Ja, sie hörten nicht einmal mehr die Stimme, die zu ihnen sprach:

„Mein einziger Wunsch war es, euch Freude zu machen!“

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