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Krank

(aus meinem Buch Finale)

Genau so hatte es ja kommen müssen! Am Arbeitsplatz und in der Straßenbahn waren in den letzten Tagen die Huster und die Schnäuzer immer mehr geworden, hatten ihn regelrecht umzingelt und von allen Seiten bedroht. Er aber war standhaft geblieben, peinlich darauf bedacht, sich möglichst oft die Hände zu waschen und mit aufgestelltem Kragen attackierende Tröpfchen abzuwehren. Nun aber schien alles umsonst gewesen zu sein, denn schon am Vormittag hatte er einmal niesen müssen und gerade eben schon wieder. Jetzt hatte es also auch ihn erwischt.

Er ließ sich auf einen Sessel sinken und begann, seinen Körper nach Symptomen abzuscannen. Das deutlichste Zeichen war die Nase, denn ihm schien, als würde er gleich wieder niesen müssen. Sein Hals wirkte normal, aber da konnte er sich auch täuschen, denn wenn er sich ganz darauf konzentrierte, vermeinte er schon einen leichten Schmerz zu spüren. Resigniert ließ er seine Arme sinken und im selben Augenblick wurde ihm bewusst, wie sehr ihn seine Kraft verlassen hatte. Jetzt gab es keinen Zweifel mehr: Er war schwer krank. Seufzend erhob er sich wieder und setzte sich mit schwerfälligen Schritten in Bewegung. Nun galt es, so schnell wie möglich nach Hause zu kommen, in sein Heim und zu seiner Frau. Sie würde seinen Zustand sofort erkennen, entsprechend handeln und ihn pflegen. Dieser Gedanke war ihm Trost und Antrieb, die paar Minuten Straßenbahnfahrt, danach ein kurzes Wegstück und zuletzt noch die Stufen in den ersten Stock zu überwinden. Als er endlich vor der Tür zu seiner Wohnung stand, fühlte er sich aber bereits zu schwach, ebendiese auch selbst zu öffnen. Außerdem galt es ja auch, seine Frau, deren Betreuung er jetzt so dringend nötig hatte, zu alarmieren. Also drückte er den Klingelknopf.

Nina öffnete, begrüßte ihn  mit einem flüchtigen Kuss und sagte:

„Schön, dass du schon da bist! Aber warum sperrst du nicht selbst auf? Hast du deinen Schlüssel vergessen?“

Sollte dieser großartigen Frau, die sonst in Bruchteilen einer Sekunde Stimmungen und Befindlichkeiten ausloten konnte, sein schlimmer Zustand tatsächlich verborgen geblieben sein? Es dauerte einen Moment, bis er antworten konnte:

„Nein, ich … ich … mir geht es nicht so gut. Ich glaube, jetzt hat die Grippe auch mich erwischt.“ Gemeinsam mit einer gleichzeitigen müden Geste hatten diese Worte ihre Wirkung nicht verfehlt und Nina, die sich bereits abgewendet hatte, drehte sich wieder zu ihm. Sie blickte ihm kurz in die Augen, fühlte mit einer Hand seine Stirn und sagte ruhig:

„Na, jetzt komm doch einmal herein und mach es dir bequem.“

Dem kam er gerne nach. Nina nahm ihm Jacke und Tasche ab, er schlüpfte aus seinen Schuhen, schlurfte ins Wohnzimmer und ließ sich auf die Couch fallen. Er griff nach einer Decke und zog sie hoch bis zur Nasenspitze, dann endlich ließ er mit einem Seufzer alle Anspannung abfallen. Als Nina mit einer Kanne Tee wieder ins Zimmer kam und ihn so liegen sah, fragte sie ihn, ob er nicht vielleicht Fieber messen wolle. Endlich hatte diese gute Seele also seine armselige Lage erkannt! Das wäre eine gute Idee, antwortete er schwach und labte sich mit einem Schluck Tee, während Nina ihm das Thermometer holte.

Er staunte nicht schlecht, als er den Fiebermesser wieder unter seiner Achsel hervorzog. Mit an die vierzig Grad hatte er ja gerechnet, das Gerät aber zeigte ihm gerade einmal 37,3°C. War es defekt? Oder die Batterie schwach? Missmutig stand er auf und holte das alte, das mit der Quecksilbersäule. Das wäre bewährte Technik, darauf wäre halt noch Verlass, dachte er und versuchte eine zweite Messung. 37,4°C – immerhin.

„Na, so schlimm ist es ja gar nicht“, zwitscherte Nina offenbar in der Absicht, ihn aufzubauen. Nicht so schlimm also. Warum nur war es für Frauen so schwer zu bereifen, dass auch der leistungsfähigste Mann irgendwann an seine Grenzen stößt? Warum mussten Frauen Krankheit oder Schwäche bei Männern so oft verniedlichen? Und warum war da selbst seine sonst so wunderbare Frau keine Ausnahme? Sie schien nicht zu bemerken, wie ihn trotz der Decke fröstelte, die er über seine Schultern hochgezogen hatte. Aber, das musste er zugeben, ihr Tee tat ihm wohl, in kleinen Schlucken genossen wärmte er ihn langsam von innen. So begann er, sich zu entspannen, auch die Decke rutschte tiefer und gab in kleinen Schritten schließlich seine Schultern wieder frei.

Fast schon hatte er sich beruhigt, fast schon fühlte er sich spürbar besser, als er einen seltsamen Glanz auf seinen Händen entdeckte. Er wischte mit einem Finger seiner Rechten über den Rücken seiner Linken und fühlte Schweiß. Erschrocken tastete er nach seiner Stirn und auch da: Kalter Schweiß! Selbst auf dem Hemd, das um seinen Bauch ein wenig spannte, entdeckte er feuchte Flecken! Das konnte nichts Gutes bedeuten! Hoffentlich war es noch nicht zu spät, hoffentlich gab es noch Hilfe für ihn. Er selbst wusste sich aber keinen Rat mehr, also rief er verstört nach Nina.

Diese seine geliebte Frau war rasch zur Stelle, auch sie fühlte seine Stirn, seine Hände und warf einen Blick auf sein Hemd. Doch anstatt in einer panischen Reaktion zu versuchen, das Leben ihres Mannes zu retten, versetzte Nina seiner geplagten Seele den Todesstoß: Lächelnd und mit sanfter Stimme sagte sie, während sie über sein Hemd strich:

„Mach’ dir keine Sorgen! Was du da verlierst ist nur Wasser. Dein Fett bleibt dir!“

Wie durch ein Wunder war er am nächsten Tag wieder gesund.

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